22. April 2021

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Trotz Corona: Milliardengewinn für Volkswagen

Weggebrochene Verkäufe und Produktionsprobleme haben im Pandemie-Jahr 2020 auch VW unter Druck gesetzt - letztlich sprudelt aber wieder viel Geld. Doch so ganz traut man dem Frieden noch nicht.

Mit einem überraschend starken Endspurt hat der VW-Konzern auch im schwierigen Jahr 2020 einen Milliardengewinn erzielt und die gröbsten Corona-Folgen fürs Erste wettgemacht.

Aber selbst wenn das Ergebnis besser ausfiel als zunächst befürchtet: Ob es nach dem zwischenzeitlichen Einbruch durch stockende Verkäufe, Werksschließungen und beschädigte Lieferketten weiter aufwärtsgeht, hängt nicht zuletzt von der weiteren Entwicklung der Pandemie ab.

Vorübergehend hatte es tiefrote Zahlen gegeben. Am Ende gelang es Europas größtem Autobauer jedoch, die Werte ins Plus zu drehen. Nach Steuern blieben 8,8 Milliarden Euro übrig, wie aus den am Freitag vorgelegten Eckdaten hervorgeht. Nimmt man das Jahr vor der globalen Ausbreitung des Virus als Maßstab, wird der Corona-Dämpfer allerdings sehr deutlich. 2019 hatte die VW-Gruppe noch ein Nachsteuer-Ergebnis von gut 14 Milliarden Euro geschafft. Bei fast allen übrigen Kennziffern muss der Konzern ebenfalls spürbare Einbußen hinnehmen.

Den Rang des verkaufsstärksten Herstellers schnappte sich Erzrivale Toyota zurück. Das ist aber eher ein Prestigethema. Wichtiger ist die Frage, ob Konzernchef Herbert Diess angesichts der wirtschaftlichen Risiken seinen Kurs hoher zweistelliger Milliardeninvestitionen in den kommenden Jahren fortsetzen kann. Die Modellpalette bei Elektro- und Hybridautos wird mit riesigen Summen weiter ausgebaut, gleiches gilt für die Vernetzung und die Entwicklung eigener Softwaresysteme.

Das kann nur gelingen, wenn mittelfristig genügend in der Kasse bleibt. Noch gibt man sich in Wolfsburg trotz der recht ermutigenden frischen Zahlen eher vorsichtig. Zuwächse bei Umsatz und Gewinnkraft könnten klappen – «vorbehaltlich einer erfolgreichen Eindämmung der Covid-19-Pandemie». Finanzvorstand Frank Witter hofft, dass das «starke Momentum» aus der zweiten Jahreshälfte 2020 länger trägt.

Zuletzt waren die Verkäufe in vielen Ländern wieder gestiegen. Besonders die Nachfrage nach E- und Hybrid-Modellen zog stark an – was jedoch auch an staatlichen Förderprogrammen und steuerlichen Erleichterungen lag. Intern gab es zudem weitere Fixkosten-Senkungen. Diess will hier noch nachlegen, in den kommenden drei Jahren soll der feste Ausgabenblock bei VW um weitere 5 Prozent gedrückt werden.

Über alldem schwebt vorerst aber die unsichere Corona-Entwicklung. Trauen sich Verbraucher größere Konsumausgaben wie für ein Auto zu? Bleiben die Grenzen und Autohäuser offen, die wichtigsten Lieferanten am Netz? In welche Richtung geht die allgemeine konjunkturelle Lage? Obendrauf kommt der akute Teilemangel bei Batteriezellen und bei Halbleitern, die in nahezu allen Elektroniksystemen stecken.

Es bestünden nach wie vor herausfordernde Marktbedingungen, heißt es. Beim Umsatz rechnet VW 2021 mit einem bedeutenden Plus – 2020 waren die Erlöse um 12 Prozent auf 223 Milliarden Euro abwärtsgegangen. Entscheidend dürfte der Trend in China bleiben, dem größten Automarkt der Welt. Auch hier baut der VW-Konzern sein Werksnetz und Angebot vor allem mit E-Fahrzeugen aus. Die Unmengen von Geld, die die Anläufe verschlingen, müssen aber natürlich weiter verdient werden. Und bei der sonstigen Finanzierung ist der Konzern mit weltweit über 660.000 Mitarbeitern auf der Suche nach ergänzenden Quellen.

Nicht nur für die Investitionen und den Marktwert ist das wichtig – im Zweifel auch fürs laufende Geschäft. Würde schlimmstenfalls etwa ein weiterer großflächiger Industrie-Lockdown in einer dritten Welle der «beispiellosen Pandemie» (Volkswagen) nötig werden, könnten jedenfalls Teile der auf 26,8 Milliarden Euro ausgebauten Liquidität rasch aufgebraucht werden. Während der Werksschließungen im Frühjahr 2020 waren bei VW bis zu 2 Milliarden Euro abgeflossen – pro Woche.

Auch weitere Börsengänge von Teilbereichen könnten die finanzielle Basis absichern. Angebliche Gedankenspiele zur Tochter Porsche ließ das Management jüngst unkommentiert. «Weit realistischer ist der Verkauf von Randaktivitäten wie Ducati, Bugatti, Lamborghini und Bentley oder die Platzierung weiterer Anteile des Lkw-Konzerns Traton», meint auch Auto-Analyst Frank Schwope. Die Ausgaben zur Bewältigung der Dieselkrise stiegen zuletzt noch einmal, und der Umbau der Münchner Lkw-und Bus-Tochter MAN schlug ebenso zu Buche.

Daneben ist die «steigende Wettbewerbsintensität» ein Thema, das die Führung im Blick hat. Damit dürfte etwa der US-Elektroauto-Pionier Tesla gemeint sein, der sich gerade mit der «Giga-Fabrik» bei Berlin in direkter VW-Nachbarschaft breitmacht. In der renditeträchtigen Oberklasse macht aber auch der heimische Konkurrent Daimler eine gute Figur. Die Stuttgarter schlossen 2020 klar besser ab – hier gelang eine Steigerung des auf die Aktionäre entfallenden Nettogewinns.

Und auch die Belegschaft der VW-Kernmarke verlangt ihren Anteil am Konzernerfolg. Bei den Tarifgesprächen für die 120.000 westdeutschen Beschäftigten verhärten sich die Fronten: IG Metall und Betriebsrat fordern 4 Prozent mehr Geld, nachdem es fast drei Jahre lang keine nominelle Lohnerhöhung mehr gab. Das Unternehmen legte noch kein Angebot vor und verwies auf die unsichere Kostenlage bei parallelem Investitionsbedarf. Ab der kommenden Woche drohen Warnstreiks. Die Aktionäre dagegen können nicht klagen. Sie sollen für 2020 eine stabile Dividende von 4,86 Euro je Vorzugspapier bekommen – wie 2019.

Von Jan Petermann, dpa, und Marco Engemann, dpa-AFX