29. März 2024

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Vorsichtige Corona-Lockerung in Einzelhandel

Seit Montag greifen für den Einzelhandel erste Lockerungsschritte - dort wo es die Zahl der Neuinfektionen zulässt. Manche Ladenbesitzer sind erleichtert, andere verwirrt - und Kunden teils abwartend.

Die zaghafte Öffnung erster Einzelhandelsgeschäfte nach monatelanger Schließung in der Pandemie ist am Montag durchwachsen ausgefallen.

Händler, die bereits komplett öffnen durften, meldeten hohes Kundeninteresse. Zu einem Ansturm haben die ersten Lockerungen nach Angaben von Städten aber nicht geführt, Einkaufstourismus sei ausgeblieben. Oft herrschte Zurückhaltung, in manchen Regionen klagten Händler und Kunden über verwirrende Regeln.

Seit Montag dürfen Geschäfte in den Bundesländern, Regionen und Städten wieder komplett öffnen, in denen die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz stabil bei unter 50 liegt – aber unter Auflagen wie Maskenpflicht und einer Begrenzung der Kundenzahl. Bei einer Inzidenz bis 100 darf nach Terminvereinbarung eingekauft werden. Im Handel ist die Sorge groß, dass bei steigenden Inzidenzzahlen die Geschäfte nach schon kurzer Zeit wieder schließen müssen.

In Baden-Württemberg, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Sachsen und Sachsen-Anhalt darf seit Montag mit Termin eingekauft werden, im Saarland flächenabhängig mit mehr Kunden als bisher. Auch in Nordrhein-Westfalen ist Termin-Shopping («Click&Meet») möglich. In Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein entscheiden die regionalen Zahlen, ob der Handel in einigen Regionen auf die Terminvergabe verzichten kann. In Thüringen ist die Öffnung des Einzelhandels wegen einer Inzidenz von über 100 vorerst vertagt. In Berlin war am Montag Feiertag.

In den Innenstädten machten sich die Lockerungen nach Beobachtungen des auf die Messung von Kundenfrequenzen spezialisierten Unternehmens Hystreet durchaus bemerkbar. Fast überall habe die Zahl der Passanten über denen vom Montag vergangener Woche gelegen. Am Nachmittag habe es einen Zuwachs zwischen 20 und 100 Prozent gegeben.

Wie Kunden per «Click&Meet» an Termine kommen, hängt vom Geschäft ab. Viele Firmen bieten online Reservierungen an oder sie veröffentlichen im Internet Telefonnummern von Standorten, die geöffnet werden. Der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof bot am Montag über ein Buchungstool Einkaufszeiten von einer, zwei oder vier Stunden an.

Auch die Elektronik-Händler Saturn und Media Markt öffneten ihre Läden. Beim schwedischen Möbelhaus Ikea hieß es: «Je nach Inzidenzlage ergeben sich verschiedene Szenarien für unsere Standorte.» In allen Häusern gilt nach wie vor eine Begrenzung der Anzahl der Kunden. An einigen Standorten müssen sich die Kunden vor dem Besuch zur Terminvergabe über ein Buchungstool registrieren.

Nicht überall konnten bereits für Montag Termine gebucht werden. Bei der größten deutschen Parfümeriekette Douglas soll dies von Dienstag an möglich sein – «in Abhängigkeit der Corona-Verordnungen der Länder in einer ausgewählten Anzahl von Filialen». Auch der Modefilialist Peek&Cloppenburg bereitet den Start der Terminvergaben vor – ebenso Geschäfte in Hamburg, wo es in der Innenstadt geringen Kundenzulauf gab. In Sachsen rief Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) Bürger auf, Angebote zu nutzen und Händler zu unterstützen.

Beim Schuhhändler Deichmann ist der Verkauf mit Terminvergabe nach Angaben eines Sprechers recht gut angelaufen. «Langfristig ist der Einkauf mit Terminvereinbarung aufgrund der doch niedrigeren Kundenfrequenzen für die allermeisten größeren Unternehmen allerdings keine tragfähige wirtschaftliche Lösung», betonte er.

Die Erwartungen der Händler an Einkaufen mit Termin sind gemischt. In Nordrhein-Westfalen etwa erhoffen sich nach einer Umfrage des Handelsverbands 16 Prozent der Einzelhändler deutlich positive Umsatzeffekte, weitere 40 Prozent nennenswerte Umsatzeffekte. Ein knappes Drittel erwartet hingegen, dass die Umsätze die durch den Aufwand entstehenden Kosten nicht vollständig kompensieren werden.

Stärker von Lockerungen profitiert haben Rostocker Geschäfte. Dort lag die Sieben-Tage-Inzidenz am Sonntag bei 24,4. Vor geöffneten großen Läden in der Haupteinkaufsstraße der Hansestadt bildeten sich Schlangen. Es durften nur Einwohner der Hansestadt selbst kommen. Wegen der stabil niedrigen Sieben-Tage-Inzidenz war auch im Landkreis Vorpommern-Rügen Einkaufen ohne Terminvergabe möglich.

In Bayern blieb dagegen die große Mehrheit der Geschäfte geschlossen. Lediglich in 30 der 96 Kreise und kreisfreien Städte Bayerns habe der Handel am Montag geöffnet, so der Handelsverband HBE. Wegen zu hoher Corona-Inzidenzen hätten die Läden in sämtlichen bayerischen Großstädten mit Ausnahme von Ingolstadt und Würzburg nicht geöffnet. In Münchner Umlandkreisen hätten Läden geöffnet, in der Landeshauptstadt jedoch nicht. «Es herrscht große Verwirrung sowohl bei den Händlern als auch bei den Kunden», kritisierte der HBE.

In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz reagierte der Einzelhandel mit Erleichterung. «Das ist auf jeden Fall ein Fortschritt», hieß es beim Handelsverband in Baden-Württemberg. Der Gemeinde- und Städtebund Rheinland-Pfalz nannte es richtig, dass in Gebieten mit hohen Infektionszahlen auch Schließungen erforderlich würden.

Wichtige Kennwerte geben inzwischen deutliche Hinweise auf einen neuen Anstieg der Corona-Infektionen. So wurden am Montag mit 5011 Neuansteckungen mehr gemeldet als am Montag vergangener Woche (4732). Die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner (Sieben-Tage-Inzidenz) lag laut Robert Koch-Institut am Montag bundesweit bei 68 – und damit höher als am Vortag (66,1).